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Die Erinnerungen der anderen
Song of myself von Ines Agostinelli im ORF Funkhaus

von Ariane Grabher in: Kultur, Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Juni 2012

„Leihen Sie uns die Bilder Ihres Lebens!“, dieser Aufruf der Zeichnerin, Fotografin und Medienkünstlerin Ines Agostinelli ging über sämtliche systemimmanente Medienkanäle des ORF Vorarlberg wie Radio Vorarlberg, Vorarlberg Heute, Homepage und Facebook-Seite. Die Resonanz war groß. Mehr als achtzig Personen haben sich gemeldet und mit ihren ganz persönlichen Erinnerungen, Fotografien, Filmen oder Erzählungen, das Basismaterial für ein einzigartiges Projekt geliefert, das im Rahmen der von Carina Jielg kuratierten Reihe „Kunst im Funkhaus“ zu sehen ist.

Chronik des Alltags

Song of myself, wie die 1978 in Bregenz geborene, in Vorarlberg lebende und arbeitende Ines Agostinelli ihre Installation betitelt, ist so etwas wie eine kollektive künstlerische Chronik des Alltags, eine Art „Oral History“, entstanden aus den individuellen Lebens-Bildern und Erinnerungen der anderen. Während Medien und Wissenschaft sich der Vergangenheit über die Beschäftigung mit politischen, sozialen und gesellschaftlichen Grossereignissen annähern, verlagert die Künstlerin ihren Fokus auf die Einzelperson und rückt das private Erleben in den Vordergrund.

Den poetisch-philosophischen Hintergrund liefert der Gedichtzyklus „Song of myself“ des US-amerikanischen Lyrikers Walt Whitman (1819-1892). Im 52-teiligen Gedichtzyklus, der aus dem berühmten Band „Leaves of Grass“ stammt, feiert Whitman das Selbst, als alles was es kann, ist und uns vermittelt, in seinen unterschiedlichen Funktionen. Für Ines Agostinelli ging es bei dem Projekt Song of myself jedoch nicht um die Ausstellung allein, die am Ende der Recherche und der Materialsuche steht. Vielmehr faszinierte sie der Prozess an sich – die Auseinandersetzung mit Erinnerung als Auseinandersetzung mit Identität – und was dieser an Fragen bei jedem Einzelnen auszulösen imstande ist. Was sind die Bilder meines Lebens? Woran erinnere ich mich gern? Welche Erinnerungen sind kostbar, welche sind schrecklich? Welche Ereignisse und Personen haben mich besonders geprägt? Agostinelli: „So individuell wir unsere Biografie erleben, so ähnlich sind sich unsere Erinnerungen.” Wir finden uns im Lied des anderen wieder. Als Einladung zur Selbstreflexion einerseits, als Teilnahme an einem Gemeinschaftsprojekt andererseits, schreibt jeder sein eigenes Lied.

Sender und Empfänger

Diese Auseinandersetzung mit dem Selbst hat bei Ines Agostinelli schon 2001 mit ihrem Studium an der Angewandten begonnen. So beschäftigt sich die Künstlerin unter anderem auch in der mittlerweile 3-teiligen, medienübergreifenden Installationsreihe Song of me, die sich ebenfalls auf Walt Whitman bezieht, mit ihrer eigenen Biografie. Der Ausgangspunkt ist familieninternes Fotomaterial mehrerer Generationen, das in digitalen Verarbeitungsverfahren de- und rekonstruiert wird. Dazu Ines Agostinelli: „Der inhaltliche Fokus liegt auf existenziellen Fragestellungen, auf individueller Erfahrung von Gegenwart und Endlichkeit, auf der Untersuchung spezifisch autobiographischer Inhalte auf ihre universalen Aspekte hin.“ Neben ihrem eigenen Ich, interessiert sich die Künstlerin, die sich in diesem Zusammenhang selbst als neugierig bezeichnet, auch für das Ich der Anderen. In der Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Geschichten der anderen Menschen wird „Song of myself“ in gewisser Weise aber auch zum Lied der Künstlerin, da das Ergebnis ja auch ihr Umfeld und einen wesentlichen Teil von ihr beschreibt. Dabei ist die Installation, die man auch als soziale Skulptur sehen kann, aufs Engste an den Ort gekoppelt, an dem sie gezeigt wird.

Mit den eingesendeten Lebenszeugnissen durchbricht die Künstlerin das statische Prinzip von „Sender“ und „Empfänger“ radikal und kehrt es flugs um. Während der ORF sein Publikum oft Jahrzehnte lang im Alltag begleitet, sendet und überträgt und den Informationsfluss täglich in geschätzte hunderttausend Vorarlberger Haushalte fliessen lässt, können die Hörer und Seher quasi zurücksenden, indem sie ihre Fotos, Filmaufnahmen, Tondokumente oder auch schriftlichen Aufzeichnungen zur Verfügung stellen, dabei aber anonym bleiben.

Das Foto als Symbol

Es sei auch viel Schweres und Dunkles dabei gewesen, wie Verlust, Verzweiflung, Missbrauch oder verlorene Kinder, erzählt Ines Agostinelli, die im Zuge des Projektes viele Menschen zu Hause besucht und lange Gespräche mit ihnen geführt hat. Dabei sei ihr immer stärker bewusst geworden, dass es eigentlich nicht um die Fotos geht, sondern um das Leben. „Das Foto ist ja immer nur ein Symbol“, sagt die Künstlerin. Und: „Das Foto ist nie nur Abbild“. Vielmehr geht es um die vielen Menschen, die an einem Foto beteiligt sind. Dabei liess sich Ines Agostinelli durchaus vom Zauber der alten Aufnahmen in ihren Bann ziehen. Im Abfotografieren der mitunter winzig kleinen Originalfotos sind durch die Verwendung von Vorsatzlinsen keine Repros im klassischen Sinn entstanden. Mit extremen Vergrösserungen arbeitend, holt Ines Agostinelli minimale Details, wie ein Stück groben Stoff oder die viel zu grossen Schuhe eines kleinen Mädchens, aus den Bildern heraus, schafft Verzerrungen oder auch Farbveränderungen. Durch die Unschärfe am Rand bekommen die Fotografien etwas Traumartiges, Unwirkliches, und verändern ihren Charakter.

Neben den Fotografien und einer hexagonalen Soundbox zeigt die Ausstellung im ORF Funkhaus digitale Assemblagen sowie zwei Videoarbeiten.